langobards nots

Installation with different media

Kunstverein Buxtehude

2010

Jutta de Vries anlässlich der Ausstellung im Kunstverein zu Buxtehude im Zwinger von Buxtehude am 7. 8.2010:

“MB lässt sich von Schmuckformen in den alten romanischen Dorfkirchen der Sabina faszinieren, den so genannten „keltischen Knoten“, deren kunstvolle Knüpfungen immer wieder in sich selbst zurück führen. Herkunft und vielfältige religiöse Bedeutung liegen zwar im Dunkel der Geschichte, denn an vielen Orten auf der Welt begegnen wir diesem Gewebe, das wohl in seiner einfachsten Form dem Textilhandwerk entlehnt ist, das Jahrhunderte vor Chr. im keltischen Muttergebiet am nördlichen Alpenrand zuerst auftaucht und wohl zunächst das immerwährende Weltenweben keltischer Schicksalsgöttinnen, der Nornen, versinnbildlicht und damit auf den Rhythmus der Schöpfung, die Unendlichkeit aber auch Unentrinnbarkeit aus der Ewigkeit des Universums hinweist. Dann wurden per Völkerwanderung und Christianisierung die Knoten als Symbole göttlicher Ordnung von iroschottischen Mönchen und ihren Bau-und Schreibschulen aus Lindisfarne oder Iona, aus St. Gallen oder der Lombardei in die christianisierte Welt transferiert und vor allem in Italien verbreitet. Dass die geometrischen Formen von 4- und 3Pässen, Webbändern oder Sonnenspiralen bis in die Gotik führen, aber auch in der jüngeren Geschichte missbraucht und von rechten Gruppierungen bis heute ideologisch ausgeschlachtet werden, soll hier nur am Rande erwähnt werden. MB nähert sich diesem unendlichen Formenkanon aus unterschiedlichen künstlerischen Blickwinkeln mit den Mitteln der Installation, der Skulptur und der Druckgrafik, wobei alle drei Medien sich in diesem passenden Ausstellungsrund zu einem gefühlsgeladenen, dichten Environment zusammen schließen. Harmonie entsteht auf mehreren Ebenen: zum einen formal durch die 12-Zahl der von der Decke herab fallenden Ketten mit je vier Knoten in 2 Vierpaß-Varianten, die sich in das Kettengeflecht einbinden, dann die 5-Zahl der Carrara-Marmorblöcke mit Knotenreliefs; mit der 3-Zahl der großformatigen Grafiken korrespondiert dann die 8-Zahl der großen Rundbögen in der Architektur – schon ist die Zahlenmystik komplett, die bereits in der Antike zur Erklärung des Weltgebäudes, zur Reduktion auf das Ideale Maß und damit zum pythagoreischen Goldenen Schnitt geführt hat. So manifestiert sich hier zusammen mit den keltischen Knoten und ihren vielfältigen Knüpf-Formen der Gedanke einer fest gefügten harmonia mundi. In ihr fühlen wir uns geborgen, geradezu meditationsbereit, und durch die lichte Offenheit der Formen empor gehoben. Die zweite Ebene entsteht durch die Materialität, auch immer mit dem Blick auf das präsente Klosterstein-Mauerwerk des Zwingers. Die sorgfältig skulptierten Marmorblöcke stehen konträr gegen arte-povera Materialien. Mit polierten Licht-Reflexen nimmt der Marmor einerseits Kontakt auf zu den Reflexen der mit gecrashtem Cellophan gesättigten PVC-Seile, setzt sich andererseits ab gegen die stumpfen Baumwollnetzketten und gegen die locker dem Zufall überlassene Deformierung der Knoten- und Leiterelemente und ihren beinahe tanzenden, losen Enden – hier erkennen wir auch die zwei Seelen in der Brust von MB, die als Bildhauerin den klassischen Eigenschaften des Marmors streng nachspürt, aber den „weichen, armen“ Materialien auch ihre Freiheit, ihre zufällige Eigenwirkung und Entwicklungsbewegung sensibel einräumt und sich damit ganz treu bleibt. In den Grafiken zum Thema finden wir diese Spannung wieder. Die in vernis mou penibel eingedruckten Seil- und Knotenformen werden weiter bearbeitet mit Radiernadel und aquatinta, es entstehen transzendente Innenansichten einer thematischen Imagination.”